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Klassiker :: Lagerlöf, Selma: Gösta Berling
Selma Lagerlöf: Gösta Berling
Aus dem Schwedischen von Pauline Klaiber-Gottschau; 544 Seiten, kartoniert, DTV / 2007


Kurzinhalt

In teilweise lose verknüpften Einzelgeschichten, die sich kunstvoll gewebt zu einem grandiosen Ganzen fügen, erzählt Selma Lagerlöf die Geschichte des abgesetzten Pfarrers Gösta Berling. Wie er von der Majorin vor dem Tod gerettet und der Anführer der Kavaliere auf Ekeby wird, nachdem die Majorin von dort vertrieben wurde. Wir lesen von Höhen und Tiefen bis hin zu seiner Läuterung. Von einem Don Juan, der mit seinen Kumpanen sorglos in den Tag hineinlebt, dessen Weg Not, Leid und Tod begleiten, bis hin zu dem Zeitpunkt, da ihm seine Schuld bewußt wird. Und wer weiß, vielleicht hat das sogar Auswirkungen auf die verstorbene Magareta Celsing. Oder ist sie gar nicht tot? Und wer ist Margareta Celsing überhaupt? Das, das jedoch muß man schon selbst nachlesen.


Vorbemerkung

Die gespoilerte Textstelle (durch "[ ]" markiert) bezieht sich auf eine Stelle gegen Ende des Buches. Um diese lesen zu können, bitte einfach mit gedrückter linker Maustaste darüer fahren (die Stellen quasi markieren). Der Text wird dann lesbar.


Rezension

In der Kirche von Svartjö führt eine Treppe zur Orgelempore, unter welcher eine Abstellkammer zu finden ist. Dort stand seit Menschengedenken eine alte, vom Staub bedeckte Truhe. Was konnte wohl in einer Truhe mit der Aufschrift „Labor vincit omnia“* enthalten sein? Warum stand sie eigentlich dort - oder steht sie noch immer? Warum um alles in der Welt würde eine andere Aufschrift viel besser passen? Und wie beginnt man eigentlich eine Buchvorstellung eines solchen Klassikers?

Nun, zumindest die letzte Frage hat sich, indem ich das schreibe, bereits beantwortet. So werden sich auch die Lösungen der anderen finden. Es ist ein weiter Bogen, den die Autorin spannt, obwohl er zeitlich (auf die Haupthandlung bezogen) gerade mal ein Jahr umfaßt.

Und es war, als senke sich eine heilige Ruhe auf die ganze Gegend herab. Es war, als erstrahlten die Höhen, als lächelten die Täler, als färbten die Herbstnebel sich rosig. Damit wird eigentlich sehr schön die Stimmung beschrieben, in die mich dieses Buch versetzt hat. Wobei es etwas seltsames an sich hat, was ich kaum in Worte zu fassen vermag. Ich empfinde den Stil gleichzeitig als distanziert und dennoch nah am Geschehen, nah an den Personen. Es ist, als ob ein Märchen, eine Sage aus alter Zeit erzählt wird; eine Sage, der ich gespannt lausche, die mich mitnimmt, mich erschüttert, mich zum Lachen und zum Weinen bringt, himmelhochjauchzend - zu Tode betrübt. Und mich dennoch in den schönsten und auch den schlimmsten Momenten nicht den Boden unter den Füßen verlieren läßt. Die Aufbauend, aber niemals deprimierend wirkt. Ich kann mich nicht entsinnen, jemals solches über ein Buch gesagt zu haben.

„Gösta Berling“ ist wohl im besten Sinne ein etwas altmodischer Roman, der die Hektik und Getriebenheit der heutigen Zeit dankenswerterweise völlig missen läßt. Immer wieder wird die Handlung durch Ruhepole, wie die Beschreibung einer Landschaft, eines Bildes, der Erzählung einer alten Geschichte, unterbrochen. Was manche als wohl als „Längen“ bezeichnen würden, habe ich nie als solche empfunden. Im Gegenteil, ich habe diese Abschweifungen genossen, konnte ich doch länger im Värmland der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verweilen, wurde in allen Sinnen die Welt der großen wie der kleinen Menschen lebendig, als ob ich selbst dabei gewesen wäre.

Immer wieder wendet sich die Autorin dabei direkt an die Leserschaft, was auf mich den Eindruck des „Hineinziehens in Buch und Handlung“ noch verstärkt hat. Über weite Strecken hatte ich wirklich das Gefühl, daß ich nicht ein Buch lese, sondern einer außerordentlich begabten Geschichtenerzählerin lausche, die mich wieder und wieder mit Ihrer Erzählung von tatsächlich stattgefundenen Ereignissen zu fesseln vermag. Ganz gleich, ob es um Schönes oder weniger Schönes geht.

An einer Stelle, kurz vor Ende des Romans, [nämlich an dieser: „Hört!“ sagte Gösta Berling. „Da tönt Margareta Celsings Nachruhm! Das ist kein toller Streich betrunkener Kavaliere. Es ist das Siegeslied der Arbeit, angestimmt zu Ehren einer guten alter Arbeiterin, Frau Majorin, hört Ihr, was der Hammer spricht! (...)“ mußte ich dann unwillkürlich an das Motto des so ganz anderen, aus einer früheren Zeit stammenden Romans von Gustav Freytag, nämlich „Soll und Haben“, denken. Das also lautet: „Der Roman soll das deutsche Volk da suchen, wo es in seiner Tüchtigkeit zu finden ist, nämlich bei seiner Arbeit.“ Aber diese Assoziation mag eine sehr subjektive sein.]

Gösta Berling und die Kavaliere sind nicht immer angenehme, sondern bisweilen durchaus unsympathische Zeitgenossen. Ein Thema, was sich durch den ganzen Roman hindurch zieht, ist das der Liebe in verschiedenen Ausprägungen. So muß Gösta Berling, aber nicht nur dieser, selbige in ihren verschiedenen Facetten durchleben, bisweilen durchleiden, bis es am Ende zur Läuterung kommt: „Erlösung durch Liebe“ - oder durch Gnade?

Bleibt zum Schluß immer noch die eingangs erwähnte Truhe. Der Eigentümer, Onkel Eberhard Berggren hatte verfügt, daß sie bis zur Jahrhundertwende ungeöffnet stehen bliebe. Inzwischen hat das Jahrhundert zwei Mal gewechselt, sicher ist die Truhe lange geöffnet, so daß bekannt ist, was darinnen war. Die geneigte Leserin, der geneigte Leser jedoch, der wissen möchte, weshalb es denn diese Bestimmung gab und was gar in der Truhe enthalten war, wird wohl nicht umhin kommen, das Buch zu lesen, worin sich die Antwort findet. Nur eines sei an dieser Stelle verraten: die Aufschrift, die um vieles besser gepaßt hätte, die würde lauten:

Amor vincit omnia.**


Mein Fazit

Eines der besten Bücher, das ich je gelesen habe. So vielschichtig, daß das zu denen zählt, die mehrfach und immer wieder gelesen werden können - und müssen.


Übersetzungen (aus dem Kontext des Buches):
* = Arbeit besiegt alles.
** = Die Liebe besiegt alles.



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Autor: gregor
 
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